Schöner schreiben

Von Liane Borghardt, Junge Karriere

Wissenschaftlich schreiben heißt nicht, unverständlich schreiben. Verordnen Sie Ihren Texten eine Schlankheitskur. Es gibt einfache Rezepte für Formulierungen, die besser schmecken und nicht belasten.

Was simpel klingt, ist unwissenschaftlich - räumen Sie dieses Vorurteil aus Ihrem Kopf. Wissenschaftlich schreiben heißt nicht, unverständlich schreiben. Formulieren Sie kurze Sätze und benutzen Sie eine klare, einfache Sprache. Denn wer kompliziert schreibt, denkt meistens auch kompliziert. Halten Sie es mit dem Philosophen Karl Popper: "Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's klar sagen kann."

Schreiben ist ein Prozess. Kein Satz, den Sie einmal hingeschrieben haben, muss so stehen bleiben. Im Gegenteil - der Schriftsteller Heinrich von Kleist rühmte "die allmähliche Verfertigung der Gedanken" beim Schreiben.

"Wie schon Fischer et. al. (1999b) in einer federführenden Studie darlegen ..." Leiern Sie nicht ein Zitat nach dem anderen runter - Sie verlieren dabei Ihre eigene Stimme. Sie sollen einen wissenschaftlichen Diskurs moderieren: Sie leiten das Gespräch ein, vermitteln zwischen den Teilnehmern und bewerten deren Beiträge. Am Schluss Ihrer Arbeit steht die Abmoderation. Sie fassen die Ergebnisse zusammen und halten fest, welche Fragen offen geblieben sind.

Zwingen Sie den Leser nicht, einen Satz dreimal zu lesen. Das passiert, wenn Sie Ihren Text mit Einschüben und Nebensätzen spicken. Faustregel: Ein Einschub darf maximal drei Sekunden lang sein. Sonst vergisst der Leser den Gedanken des Hauptsatzes. Schachtelsätze sind nicht nur hässlich. Informationen können auch untergehen. Zum Vergleich: "Der Richter versagte, nachdem er das Urteil gegen den Angeklagten gefällt hatte, dem Verteidiger, von dem er sich nicht verabschiedete, den Respekt."
Klarer wäre: "Der Richter versagte dem Verteidiger den Respekt: Nachdem er das Urteil gefällt hatte, verabschiedete er sich nicht von ihm."

Weg mit Stolpersteinen. Auch viele Auslassungszeichen [...], Quellenhinweise, Fußnoten und lange, eingerückte Zitate stören den Lesefluss. Klar, keine wissenschaftliche Arbeit ohne diese Zutaten. Aber Sie sollten sie dosieren.

Unterscheiden Sie zwischen Fremd- und Fachwörtern. Sämtliche Fremdwörter können Sie durch das deutsche Gegenstück ersetzen: Diskrepanz heißt Unterschied, Imponderabilien sind Unwägbarkeiten, Marginalien sind Randbemerkungen und eruieren heißt herausfinden. Im Gegensatz zu Fremdwörtern gehören Fachwörter in einen wissenschaftlichen Text. In der Psychologie ist beispielsweise die "Emotion" nicht bloß ein eleganter Ersatz für "Gefühl".

Spüren Sie in Ihrem Text Nominalkonstruktionen auf. In der Bibel steht: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Und nicht: "Anlässlich des Anfangs erfolgte die Erschaffung des Himmels und der Erde seitens Gottes." Zeichen für Nominalkonstruktionen sind die Substantiv-Endungen "-ung" oder "-keit" und die Verben durchführen, erfolgen, vornehmen, vollziehen. Aus zwei mach eins: eine Umstrukturierung durchführen bedeutet umstrukturieren, eine Zweiteilung vornehmen heißt zweiteilen.

Werden Sie aktiv. Wissenschaftliche Texte kranken oft daran, dass sie depersonalisiert sind. Benutzen Sie das Personalpronomen "Ich", wenn Sie Ihre Meinung äußern, oder nennen Sie andere Autoren beim Namen. Wenn ein Satz ein Subjekt hat, fallen auch sperrige Passiv-Konstruktionen weg. Schlanke, aktive Formulierungen fördern das Denken.

Wer, wie, was? "Das Verhalten des Homo oeconomicus muss genau betrachtet werden, um Aussagen über die Wirkung dieses Informationsdefizits machen zu können." Häh? Wer muss hier was, wie, wo und warum? Gehen Sie mit den journalistischen W-Fragen an Ihre Formulierungen. So vermeiden Sie Bezugsfehler.

Fangen Sie weiße Schimmel ein. Den weißen Schimmel kennt jeder. Trotzdem schleichen sich so genannte Tautologien gern in wissenschaftliche Arbeiten: Positionen werden zum Beispiel "einander diametral gegenübergestellt", ein Begriff bekommt eine "semantische Bedeutung", Äußerungen lesen sich "wie eine vermeintliche Gegendarstellung", oder jemand ist "restlos überzeugt". Dopplungen stecken zum Beispiel auch in Zukunftsperspektiven, Zukunftsplänen oder Aufgabenfeldern.

Misstrauen Sie den Adjektiven. Sie lassen sich oft durch ein treffendes Substantiv ersetzen. Ein literarisches Werk ist ein Buch, positive Entwicklungen sind Steigerungen und kritische Anmerkungen sind Kritik.

Lassen Sie die Luft aus aufgeblähten Formulierungen: eine Vielzahl von = viele; in Anbetracht des = wegen; in Zusammenhang mit = beim; in vollem Umfang = ganz; in ihrer Gesamtheit = alle; mit großer Sorgfalt = sorgfältig.

Prüfen Sie Wörter darauf, ob es kürzer geht: Antwort statt Beantwortung, Unterschied statt Unterschiedlichkeit, Studenten statt Studentenschaft, Gestaltung statt Ausgestaltung. Befreien Sie ebenfalls die Verben vom Ballast: besagen ist schlicht sagen, aufzeigen ist zeigen, für zusammentreffen reicht auch treffen. Keinen falschen Respekt vor so genannten Marketing-, Literatur- und anderen -Päpsten. Begegnen Sie deren Sekundärtexten so skeptisch wie einem Vorwerk-Verkäufer mit Spiegelbrille. Lassen Sie beim Lesen den Verstand eingeschaltet und fragen Sie sich, was der Text Ihnen bringt. Wenn Sie Sekundärtexte in Alltagssprache übersetzen, bleibt manchmal wenig Substanz übrig.

Beispiel: Der Philosoph Karl Popper übersetzte in seinem Werk "Gegen die großen Worte" Zitate seines Kollegen Theodor W. Adorno.
Adorno: Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht. > Poppers Übersetzung: Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen.
Adorno: Sie produziert und reproduziert sich durch ihre einzelnen Momente hindurch. > Poppers Übersetzung: Die verschiedenen Beziehungen produzieren irgendwie die Gesellschaft.

Mut zu eigenem Stil! Fassen Sie Ihre Gedanken in anschauliche Sprache. Leser freuen sich eher über originelle als gut kopierte Texte. Und: Je anschaulicher und besser lesbar ein wissenschaftlicher Text, desto größer die Möglichkeit, ihn jenseits kleiner Fachzirkel zu veröffentlichen.

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